Spielend für Toleranz - Spiele Joker

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Spielend für Toleranz

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Eine Aktion in der Brettspielszene, welche von Udo Bartsch (www.rezensionen-fuer-millionen.de), Martin Klein (www.spielerleben.de) und Harald Schrapers (www.brett-spiel.de) ins Leben gerufen wurde.

Warum diese Aktion?



Seit August 2018 überschlagen sich die Ereignisse in Deutschland. Ausschlaggebend waren die Ausschreitungen in Chemnitz. Gleichzeitig wächst die Akzeptanz für die AfD, der rechtspopulistischen Partei in Deutschland. Ihr werden für die nächsten Wahlen massive Gewinne prognostiziert. Soll mich das als Schweizer beschäftigen? Chemnitz ist schliesslich über 600 km weit von meinem Wohnort entfernt. Da muss ich nur der Reiseempfehlung des Bundes Folge leisten. Bei uns passiert das schliesslich nicht.



Schiffe mit Flüchtlingen, welche von Schleppern mit seeuntauglichen Schiffen von Nordafrika nach Europa gebracht werden oder im Mittelmeer gerettet werden müssen, finden keinen Hafen um anzulaufen, damit die Flüchtlinge menschenwürdig versorgt werden können. Ist aber nicht unser Problem. Schliesslich ist der nächste Hafen am Mittelmeer Genua in Italien. Die sollen nun einmal die Verantwortung übernehmen und Genua ist schliesslich 500 km von meinem Wohnort weg. Da die Aquarius keine Flagge mehr hat, hat sich das Problem so oder so gelöst. Ist schliesslich nicht meine Verantwortung, dass die Flüchtlinge nun ertrinken.

Ungarn mit dem rechtspopulistischen Präsidenten ist 1'000 km weg, Brasilen, welches kurz vor der Wahl eines Rechtspopulisten steht, sogar 9'000 km. Eine Wand zwischen USA und Mexiko? Auch fast 9'000 km entfernt.

Bei uns in der Schweiz ist die Welt doch noch in Ordnung! Mich geht das nichts an. Oder?

Das Boot ist voll!

Ein kleiner Exkurs in die Geschichte klärt auf, dass diese Probleme nicht weit weg sind und auch nicht neu.


Am 26. September 1942 tagten die Direktoren der kantonalen Fremdenpolizei in Montreux. Auf ihrer Agenda stand das weitere Vorgehen der Schweiz angesichts der wachsenden Zahl an Flüchtlingen, die versuchten die Grenze zu überschreiten - insbesondere Juden auf der Suche nach Schutz vor Nazis.

Die Dokumente aus dem Archiv sind teilweise schwer zu ertragen: "Hier und anderswo ist es nicht wünschenswert, dass die jüdische Bevölkerung eine gewisse Proportion übersteigt. Die Schweiz beabsichtigt nicht, sich von den Juden leiten zu lassen. Nicht mehr, als sie von einem anderen Ausländer geleitet werden möchte … Der Jude passt sich nicht leicht an … Auch darf man nicht vergessen, dass viele von ihnen eine Gefahr für unsere Institutionen sind. Sie sind sich Bedingungen gewohnt, in denen der Geschäftsinstinkt des Juden dazu tendiert, sich freien Lauf zu lassen."

Sechs Wochen zuvor, am 13. August, hatte die Schweizer Regierung die Grenzen für Juden geschlossen. "Nicht zurückzuweisen sind … politische Flüchtlinge, d.h. Ausländer, die sich bei der ersten Befragung von sich aus als solche ausgeben und es glaubhaft machen können. Flüchtlinge nur aus Rassengründen, z.B. Juden, gelten nicht als politische Flüchtlinge" hiess es in einem Kreisschreiben an die zivilen und militärischen Behörden.

Laut dem Bergier-Bericht lassen sich für die Zeit von Januar 1940 bis Mai 1945 rund 24'500 Wegweisungen an der Grenze nachweisen. Jüngere Studien kamen allerdings zum Schluss, dass diese Schätzung viel zu hoch sei. "Spätestens ab Sommer 1942 war bekannt", so der Bergier-Bericht, "dass den abgewiesenen Flüchtlingen die Deportation und Ermordung drohte".

Heute Ertriken die Flüchtlinge im Mittelmeer. Eine gewisse Ähnlichkeit mit der Situation heute ist somit nicht von der Hand zu weisen.

Aber auch damals gab es nicht nur diese negative Entwicklung:

Die Dokumente zeigen auch, wie umstritten die Politik der Schweizer Regierung damals war und dass die Abweisung der verzweifelten Juden bei weitem nicht bei allen Bürgern und Bürgerinnen auf Zustimmung stiess: Am 7. September erhielt die Regierung von einer Mädchenklasse einer Sekundarschule in Rorschach im Nordosten der Schweiz einen Brief. Die Mädchen schrieben, sie seien "total schockiert" darüber, dass Flüchtlinge "so herzlos ins Elend" abgewiesen würden. Sie appellierten an eine grosszügigere und offenere Haltung der Schweiz.

Ausserdem waren es auch einzelne, die sehr viel bewirkt und viel riskiert haben. Besonders hervorheben möchte ich "Den Fall Grüninger".


Paul Ernst Grüninger wurde als zweites von vier Kindern des katholischen Tapeziermeisters Oskar Grüninger und dessen protestantischer Frau Maria geboren und protestantisch erzogen. Sein Vater übernahm später ein Tabakwarengeschäft in St. Gallen. Von 1907 bis 1911 machte Paul Grüninger eine Ausbildung zum Lehrer am Lehrerseminar Mariaberg Rorschach. Ab 1913 spielte er als Linksaussen beim Fussballclub Brühl, St. Gallen. In der Saison 1914/15 gewann er mit seiner Mannschaft die Schweizer Meisterschaft. Der Wehrdienst unterbrach seine ersten Berufsjahre, nach Abschluss der Rekruten- und Offiziersschule wurde er zum Leutnant der Verpflegungstruppen ernannt. Im September 1919 empfahl ihm ein Kunde im elterlichen Geschäft die Stelle eines Polizeileutnants im Landjägerkorps des Kantons St. Gallen. Er zögerte jedoch und gab schließlich dem Drängen seiner Eltern nach. Grüninger wurde von 78 Bewerbern ausgewählt. Bald darauf heiratete er Alice Federer, die aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus Au kam. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, darunter Ruth Roduner (* 1921), die sich für die Rehabilitierung ihres Vaters einsetzte. 1925 erhielt er die Stelle eines Landjägerhauptmannes.

Bei einer Sitzung von kantonalen Polizeifunktionären, unter ihnen der ehrenamtliche Präsident der Schweizerischen Flüchtlingshilfe und Heinrich Rothmund, der Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei, verteidigte Grüninger als Einziger die jüdischen Flüchtlinge: „Die Rückweisung der Flüchtlinge geht schon aus Erwägungen der Menschlichkeit nicht. Wir müssen viele hereinlassen!"

Der St. Galler Polizeikommandant Hauptmann Grüninger rettete in den Jahren 1938 und 39 mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung, indem er ihnen durch Vordatierung der Einreisevisa und/oder Fälschung anderer Dokumente die Einreise in die Schweiz ermöglichte. 1939 wurde er deswegen vom Dienst suspendiert und seine Ansprüche auf Pension aberkannt. 1940 wurde er wegen Amtspflichtverletzung zur Zahlung einer geringen Geldstrafe verurteilt. Seine Tochter Ruth musste die Handelsschule in Lausanne abbrechen, sie kehrte zur Familie nach St. Gallen zurück und musste sich eine Stelle suchen: „Man sah meinen Vater als Verbrecher an. Ich bekam eine Absage nach der anderen, bis ich in einer jüdischen Textilfirma eine Anstellung fand.“ Ruth Grüninger konnte damit gerade die Miete für die St. Galler Wohnung bezahlen, in der sie fortan mit ihrer zwölf Jahre jüngeren Schwester Sonja, ihrer Mutter und ihrem Vater wohnte. Paul Grüninger lebte in seinen restlichen drei Jahrzehnten von Gelegenheitsarbeiten und als Aushilfslehrer.

Er fand nie wieder eine feste Anstellung. Seine Tochter hat ihm die Enttäuschung angemerkt, aber „trotzdem betonte er bis zu seinem Tod, er würde wieder gleich handeln. Darauf bin ich stolz.“ Zwei Monate vor seinem Tod schenkte ihm der deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann einen Farbfernseher. 1972 starb Grüninger verarmt in St. Gallen.

1993 wurde Grüninger durch die St. Galler Regierung politisch rehabilitiert und 1994 veröffentlichte der Schweizer Bundesrat eine Ehrenerklärung für ihn. 1995, und damit 23 Jahre nach seinem Tod, hob das Bezirksgericht St. Gallen das Urteil in der Sache Paul Grüninger auf und sprach ihn frei. Nach seiner politischen folgte damit auch seine juristische Rehabilitation. Die juristische Rehabilitation Grüningers durch die UEK bedeutete in diesem Fall nicht, wie sonst auch in anderen Fällen, nur die Korrektur eines unsorgfältig gefällten Fehlentscheides eines Gerichts (etwa aufgrund neuer Beweismittel). Vielmehr wurde damit die damalige schweizerische Flüchtlingsgesetzgebung als unvereinbar mit den Prinzipien eines Rechtsstaates erklärt.

Der Grosse Rat des Kantons St. Gallen stimmte 1998 einer materiellen Wiedergutmachung zu und entschädigte die Nachkommen Grüningers für die durch die fristlose Entlassung entstandenen Lohn- und Pensionseinbußen des Hauptmanns. Mit dem gesamten Betrag wurde die Paul Grüninger Stiftung gegründet, die sich unter anderem für aktive Verteidiger von Menschenrechten einsetzt.

Und aktuell?

Zwei Zeitungsausschnitte, welche zeigen, dass es auch heute in der Schweiz noch wichtig, ist Farbe zu bekennen und sich gegen Propaganda und Fremdenfeindlichkeit zu stellen.








Was bringt es also, wenn wir als Brettspieler ein Zeichen setzen wollen? Ändert sich dadurch etwas?

Ja! Man spürt, dass man nicht alleine ist. Manchmal kann aus kleinen Zeichen etwas grosses entstehen. Zumindest spendet es Hoffnung. Auch hier gibt es zum Glück Beispiele:






und nicht zuletzt auch



Bereits nach einer Woche sind über 60 Seiten gelistet, welche bei der Aktion mitmachen. Das setzt ein klares Zeichen!

Vielen Dank den Organisatoren und Glückwunsch zur guten Idee.
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